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Fallbeispiel · Teamentwicklung

„Ich will den Agents doch nur helfen, aber sie hören darin sofort reine Kritik“

„Wir stecken extrem viel Energie in die Vorbereitung der Gespräche, aber sobald wir Feedback geben, blocken die Agents ab und gehen sofort in die Verteidigungshaltung.“

Fallbeispiel aus meiner Praxis, vollständig anonymisiert. Merkmale wie Rolle, Branche und Personendetails wurden verändert.

Was hinter dem Satz steckt

Wenn gut gemeinte Unterstützung als Bedrohung wahrgenommen wird, liegt das selten an den inhaltlichen Argumenten, sondern fast immer an der Beziehungsbotschaft. Im psychologischen Kontext lässt sich dieses Phänomen hervorragend mit dem Vier-Ohren-Modell erklären. Während der Sender eine Nachricht auf der Sachebene als reinen Optimierungsvorschlag meint, hört der Empfänger sie auf dem Beziehungsohr als Abwertung seiner Kompetenz oder auf dem Selbstoffenbarungsohr als versteckte Kontrolle.

In hierarchischen oder leistungsorientierten Umgebungen wie Callcentern führt diese Dissonanz dazu, dass Mitarbeiter automatisch in einen Schutzmodus schalten. Sobald das Gegenüber den Modus der Verteidigung aktiviert, ist jede inhaltliche Ebene blockiert. Die verallgemeinerbare Einsicht lautet daher: Qualität lässt sich nicht herbeikritisieren, sondern nur in einer Atmosphäre der psychologischen Sicherheit entwickeln.

Die Ausgangslage

Ich wurde vom Teamlead eines Qualitätssicherungsteams in einem großen Callcenter kontaktiert. Die primäre Aufgabe dieses spezialisierten QA-Teams bestand darin, die Callcenter-Agents aktiv zu begleiten, zu beraten und zu coachen. Das übergeordnete Ziel war klar definiert: Die Agents sollten ihre vorgegebenen Leistungsziele besser erreichen und die allgemeine Anruferzufriedenheit nachhaltig steigern.

Die sichtbaren Symptome der Krise waren jedoch unübersehbar. Die Coaching-Termine wurden von den Agents oft als lästige Pflichttermine wahrgenommen, bei denen vor allem Nervosität und eine defensive Grundhaltung dominierten. Die Ratschläge des QA-Teams verpufften wirkungslos, da sie in der Praxis selten umgesetzt wurden. Die konkreten Folgen waren eine stagnierende Kundenzufriedenheit, wachsende Frustration auf beiden Seiten und eine spürbare Kluft zwischen dem Qualitätsteam und den operativen Agents, die sich zunehmend kontrolliert statt unterstützt fühlten.

Der Weg zum Kern des Problems

Um die Blockade zu verstehen, startete ich den Prozess mit einer Reihe von vertraulichen Interviews. Ich sprach intensiv mit dem Teamlead, zwei Mitgliedern des Qualitätsteams sowie zwei Callcenter-Agents, die regelmäßig vom QA-Team betreut wurden. Dabei trat der Kern des Problems in zwei klar voneinander getrennten Ebenen zutage.

Die erste Ebene war rein struktureller und prozessualer Natur. Das Team trat unter dem Label „Qualitätssicherung“ auf. Schon dieser Begriff erzeugte bei den Agents die Assoziation einer internen Prüfinstanz. Die Coachings liefen handwerklich oft als Monologe ab, in denen Mängel aufgelistet wurden, statt den Coachee aktiv einzubinden. Diese prozessuale Ebene ließ sich zwar zügig durch neue Leitfäden und veränderte Abläufe korrigieren, stellte jedoch keineswegs die vollständige Lösung dar.

Die weitaus tiefere, zweite Ebene betraf die Identität und die Haltung des Teams. Die Interviews mit den Agents zeigten unmissverständlich, dass sie die Termine nicht als Unterstützung, sondern als reinen Performance-Check erlebten. Jedes Feedback fühlte sich für sie wie eine Benotung an. Das Qualitätsteam wiederum verstand sich selbst als Retter der Performance, agierte dabei aber unbewusst aus einer überlegenen Lehrerrolle heraus. Diese Dynamik erzeugte genau den Widerstand, der den Erfolg verhinderte.

Zurück zur Person hinter dem Zitat

Die eigentliche Auflösung des Konflikts erforderte eine fundamentale Verhaltens- und Kulturänderung, die wir in mehreren intensiven, zwei- bis dreistündigen Workshops erarbeiteten. Als theoretisches und praktisches Fundament nutzten wir das Vier-Ohren-Modell von Schulz von Thun. Das QA-Team lernte zu verstehen, wie ihre Botschaften auf der Beziehungsebene ankamen und wie sie ihre Kommunikation gezielt empfängerorientierter gestalten konnten.

Wir setzten eine Reihe konkreter, tiefgreifender Interventionen um, die in intensiven Rollenspielen eingeübt wurden:

  • Formulierungen verändern: Belastete Phrasen wurden konsequent ersetzt. Statt davon zu sprechen, einen „Prozess zu verfolgen“, etablierte das Team den Begriff der „Begleitung“. Defizitorientierte Aussagen wie „nicht so gut wie erwartet“ wurden in zukunftsorientierte Wünsche umformuliert.
  • Vom Monolog zum Dialog: Die Feedbackgeber lernten, ihre Monologe einzustellen. Jedes Coaching startete fortan mit offenen Fragen an den Agent, um dessen eigene Ideen zur Verbesserung und dessen Wahrnehmung gelungener Aspekte zu aktivieren. Die Lösung sollte mit dem Coachee erarbeitet werden, statt sie ihm vorzugeben.
  • Metakommunikation und Haltung: Das Team übte, persönliche Aspekte komplett auszuklammern und stattdessen die Perspektive des Kunden als gemeinsamen Bezugspunkt zu wählen. Zudem wurde intensiv an der Körpersprache und dem direkten Blick in die Kamera bei Remote-Coachings gearbeitet, um Nähe, Empathie und Sicherheit aufzubauen.

Gleichzeitig erfolgte eine parallele Intervention auf der strukturellen Ebene: Gemeinsam mit dem Teamlead stießen wir ein strategisches Rebranding des gesamten Teams an. Weg vom Image der kontrollierenden Qualitätssicherung, hin zu einer engen, partnerschaftlichen Symbiose mit den operativen Teams als geschätzte Entwicklungspartner.

Was sich seitdem verändert hat

Die Transformation zeigte bereits nach wenigen Monaten messbare Erfolge. Die Auswertung der internen Feedbackdaten nach der Implementierungsphase lieferte ein eindeutiges Bild: Das Team wird von den Callcenter-Agents heute nachweislich als echte, wertvolle Unterstützung wahrgenommen. Die anfängliche Nervosität in den Terminen ist einer vertrauensvollen Arbeitsatmosphäre gewichen, in der die Agents aktiv nach Ratschlägen fragen.

Durch diese veränderte Haltung und die neuen Kommunikationspatterns konnte eine deutliche und nachhaltige Steigerung der Anruferzufriedenheit erzielt werden. Die Mitarbeiter des ehemaligen QA-Teams berichten heute, dass ihre Arbeit um ein Vielfaches leichter und erfüllender geworden ist. Die Person, die anfangs über die ständigen Verteidigungshaltungen klagte, zieht heute ein völlig anderes Fazit: „Wenn wir den Agents heute auf Augenhöhe begegnen und ihre Perspektive einbeziehen, öffnen sie sich von ganz allein. Das Feedback wird nicht mehr bekämpft, sondern als Chance genutzt.“

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