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Fallbeispiel · Coaching

„Wie sieht das denn sonst in meinem Lebenslauf aus?"

„Ist es das Richtige, was ich mache? Ich fühle mich klein."

Fallbeispiel aus meiner Praxis, vollständig anonymisiert. Merkmale wie Rolle, Branche und Personendetails wurden verändert.

Was hinter dem Satz steckt

Wenn Menschen vor einer wichtigen Entscheidung stehen und trotz klarer Informationslage nicht vorankommen, liegt das selten an fehlenden Fakten. Häufiger liegt es daran, dass im Hintergrund ein verinnerlichter Maßstab mitläuft, eine Vorstellung davon, was man „eigentlich" tun sollte, die nicht der eigenen Erfahrung entspringt, sondern übernommenen sozialen Normen. Diese Maßstäbe wirken besonders dann lähmend, wenn sie unbewusst bleiben: Man spürt den Druck, kann ihn aber nicht benennen, und jede Option fühlt sich gleichzeitig richtig und falsch an.

Genau das war bei diesem Klienten der Fall. Fachlich ging es um vier Karriereoptionen. Psychologisch ging es darum, ob er sich selbst erlauben durfte, eine Entscheidung zu treffen, die nicht in erster Linie danach aussah, wie andere ihn bewerten würden.

Die Ausgangslage

Der Klient, Mitte dreißig und seit fünf Jahren als Senior Product Manager im selben Unternehmen, kontaktierte mich über einen gemeinsamen Bekannten. Er wollte Klarheit über seine beruflichen Optionen gewinnen und sich am Ende sicherer und selbstbewusster fühlen. Vier mögliche Wege standen im Raum: eine interne Beförderung, mit der er ein neues digitales Teilunternehmen aufbauen könnte, eine Bildungskarenz mit einem Executive-MBA, um sich Richtung General Management oder Consulting zu orientieren, eine längere Auszeit, oder ein kompletter Jobwechsel.

Im Erstgespräch beschrieb er seine Situation so: „Man muss ja irgendwann auch mal wechseln, sonst wie sieht das denn im Lebenslauf aus. Was sagen die Leute denn sonst?" Gleichzeitig erzählte er von Momenten intensiver Freude und Energie im aktuellen Job, vor allem dann, wenn er Produktentscheidungen selbst treiben konnte. Die Informationsmenge, die er zu jeder Option mitbrachte, war beträchtlich, aber je mehr er abwog, desto unklarer wurde ihm, wonach er eigentlich entscheiden sollte.

Der Weg zum Kern des Problems

Ein Teil der Unklarheit ließ sich handwerklich lösen. Gemeinsam entwickelten wir eine Matrix, in der er seine vier Optionen gegen die für ihn wichtigen Werte und Bedürfnisse legte: Freude und Flow, Erfolg, Geld, Zeit für sich, Wertschätzung, Neues lernen, Expertise, Selbstbewusstsein. Für jede Kombination vergab er Punkte, teils analytisch, teils über eine Skalierungstechnik, bei der er mit geschlossenen Augen und dem Finger auf einer Linie sein intuitives Körperwissen einbezog. Die Summen zeigten deutlich: „Zeit für mich" war das am stärksten unerfüllte Bedürfnis, und die beiden Optionen, im Unternehmen zu bleiben, schnitten insgesamt am besten ab.

Das strukturierte den Entscheidungsraum, löste aber nicht das eigentliche Problem. Denn unter den vier Optionen lag ein Satz, der sich in fast jeder Sitzung wiederholte: die Sorge, was andere über einen möglichen Verbleib im selben Unternehmen denken würden. Diese Sorge ließ sich nicht wegrechnen, sie musste anders bearbeitet werden.

Zurück zur Person hinter dem Zitat

In einer späteren Sitzung arbeiteten wir mit acht am Boden ausgelegten Karten, die verschiedene Stationen eines Entscheidungsprozesses markierten, kombiniert mit Fragetechniken, die bewusst keine eigenen Deutungen einbringen, sondern nur mit den Worten des Klienten selbst arbeiten. Als er sich auf eine Karte stellte, die für „die Leute" stand, veränderte sich seine Körperhaltung merklich: Der Kopf richtete sich auf, das Gesicht wurde blass, er brauchte einen Moment, um das, was in ihm vorging, überhaupt in Worte zu fassen. Dann sagte er: „Die Leute interessiert das gar nicht." Kurz darauf: „Das ist mir jetzt egal."

Diese wenigen Sekunden markierten den eigentlichen Wendepunkt. Nicht die Matrix hatte die Entscheidung ermöglicht, sondern die körperliche Erfahrung, dass die imaginierte Bewertung durch andere weniger Gewicht trug, als es sich in Gedanken anfühlte. In einer weiteren Sitzung nutzten wir eine hypnotische Trance, um sein intuitives Wissen zu einem gedachten Zukunftspunkt zu befragen, an dem er mit Sicherheit, Leidenschaft und Selbstbewusstsein in seiner neuen Rolle stand. Die Punkte, die er aus dieser Trance heraus notierte, wurden anschließend mit der Methode des leeren Stuhls konkret als Verhandlungsgespräch mit seiner Geschäftsführung durchgespielt und geprobt.

Was sich seitdem verändert hat

In der Sitzung danach hielt der Klient seine Entscheidung schriftlich fest: „Ich will eine Entscheidung treffen, damit ich Sicherheit, Passion und Selbstbewusstsein im Job habe und mich gut fühle. Entscheidung: Ich bleibe." Er blieb im Unternehmen und übernahm das neue digitale Teilunternehmen, mit einem konkret vorbereiteten Plan für das Gespräch mit seiner Geschäftsführung über die Bedingungen dieser neuen Rolle.

Würde man ihm heute die Ausgangsfrage noch einmal stellen, wie es im Lebenslauf aussehe, würde er vermutlich anders antworten. Nicht weil die Frage plötzlich unwichtig geworden wäre, sondern weil sie nicht mehr die Frage ist, die über seine Entscheidung bestimmt. Die eigentliche Wahl war nie zwischen vier Karriereoptionen. Sie war zwischen einer Entscheidung für andere und einer Entscheidung für sich selbst.

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